Meine Nacht mit der Gegengerade

 Quelle: VIVA ST. PAULI Nr. 177 vom 13. April 2013

1910 e.V.-Mitglied Olaf Bartsch hat die Rekonstruktion des Millerntor-Stadions von Anfang an mit seinem „Baustellen-Tagebuch“ und den Fotos auf seiner Website www.millerntor.net intensiv begleitet. Nun erlebt er sie ein zweites Mal – bei der Entstehung des Stadionmodells im Maßstab 1:100, das eines Tages im FC St. Pauli-Museum stehen wird. Hier sein ganz persönlicher, augenzwinkernder Bericht.

Ich bin ein wenig verliebt. Sie heißt Gegengerade – und kommt aus Duisburg. Die Situation ist etwas schwierig, denn sie wohnt noch bei ihren Eltern. Aber ich habe ihr versprochen, dass ich sie zu mir nach Hamburg hole.

Dabei haben ihre Eltern uns zusammengebracht. Meinem ersten Besuch in Duisburg folgte eine Einladung zu einer Stadionführung ans Millerntor. Veronika und Holger verharrten stoisch im Stadioninnenraum vor Betonstufen und Mundlöchern und gaben leise Kommentare von sich wie „Typischer Hellmich-Bau“ und „Was ist denn das für ein Winkel?“.

Dann fragten sie mich, ob ich schon einmal die Figuren im vollbesetzten Modell der HSV-Arena im „Miniatur Wunderland“ in der Speicherstadt gezählt hätte. Das wären ja nur 12.000 Figuren – bei einer realen Kapazität von 55.000. So etwas ginge ja gar nicht. Allmählich wurde mir klar, dass die beiden Hilfe benötigten …

Seitdem versorge ich die Tribians im Rahmen ihrer Gestaltungstherapie mit Fotos und Maßen des Millerntor-Stadions. Damit wirklich jeder einzelne Wellenbrecher, jeder einzelne Sitzplatz und jeder einzelne Flutlicht-Strahler an exakt der richtigen Stelle steht.

Aber damit nicht genug, das Millerntor-Modell soll leben: Der geneigte Fan wird sich genau auf „seinem“ Platz verewigen können – als individuell nachempfundene und handbemalte Modellfigur im Maßstab 1:100!

Damit ich immer bei meiner Hübschen sein kann, haben Veronika und Holger mich schon im Format 1:100 auf die Gegengerade gestellt. Aber ich fürchte, meine Angebetete wird sich bald nicht mehr vor Verehrern retten können. Unsere Beziehung steht vor einer ernsten Bewährungsprobe.

Mit einer Mischung aus Angst und Vorfreude erwarte ich das Auswärtsspiel in Duisburg. Weil ich dann bei den Tribians übernachten darf. Die schöne Gegengerade wird mir gehören, wenigstens für diese eine unvergessliche Nacht.

Olaf Bartsch

Verliebt: Olaf Bartsch mit seinem neuen Schwarm. Foto: Stadionmodellbau Tribian

Verliebt: Olaf Bartsch mit seinem neuen Schwarm. Foto: Stadionmodellbau Tribian

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