„Zum Glück bin ich nur Fan!“

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„Fußballromantik – nichts als Nostalgie?“ Unter diesem Motto startete das „Fußball und Liebe“-Festival von 1910 e.V. in Kooperation mit KIEZHELDEN am Himmelfahrtsabend (Do, 14. Mai) mit einem prominent besetzten Eröffnungstalk und vielen bekannten Namen. Entsprechend groß war der Andrang in den Fanräumen.

Kann es eine moderne Fußballromantik geben? Sind wir in Gefahr, das wahre Wesen des Fußballs aus den Augen zu verlieren? Unter der Leitung von Christoph Nagel (Vorstand 1910 e.V.) diskutierte eine hochkarätig besetzte Runde zu Fragen wie diesen – und das so angeregt und vielseitig, dass der zur besten „Sendezeit“ um 20:15 gestartete Talk erst gegen 23 Uhr beendet war.

Foto: Sabrina Adeline Nagel, www.siesah.de

Foto: Sabrina Adeline Nagel, www.siesah.de

Der Saal blieb bis zum Ende gerappelt voll, und Museums-Pate Jan-Philipp „Schnecke“ Kalla und Keeper Robin Himmelmann, neben FC St. Pauli-Präsident Oke Göttlich und Marketingleiter Martin Drust unter den Zuhörern, bedauerten sichtlich, dass sie – das Los des Leistungssportlers – schon früher gehen mussten.

Es diskutierten:

  • Andreas Rettig (Geschäftsführer Deutsche Fußball Liga)
  • Sandra Schwedler (Aufsichtsratsvorsitzende FCSP / ProFans)
  • Stuart Dykes (FC United of Manchester)
  • Axel Hellmann (Finanzvorstand Eintracht Frankfurt)
  • Michael Oenning (ehem. Trainer 1. FC Nürnberg und Hamburger SV)
  • Wolfgang Niedecken (BAP)

Unterbrochen und bereichert wurden die Diskussionsparts durch mehrere Lesungen des Schauspielers und FC St. Pauli-Fans Stephan A. Tölle, der auch am Sonnabend auf der „Fußball und Liebe“-Lesebühne auftreten wird.

Tölle stellte u.a. in einer urkomischen Performance mit Lothar Matthäus einen der „ganz großen Romanciers des Fußballs“ vor und sorgte mit einem einleitenden Text des Dichters Friedrich von Hardenberg alias Novalis (1798) für einen ungewöhnlichen Start. „Die Welt muss romantisiert werden!“, forderte Novalis in seinem Text, der so etwas wie ein „Grundprogramm der Romantik“ darstellt.

Sein Ziel, „dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Endlichen einen unendlichen Schein“ zu geben, finde sich auch heute im Fußball wieder, so Christoph Nagel: „Ein Ball rollt in ein Netz. Eigentlich nichts Besonderes. Aber jeder hier im Saal weiß, was für unendliche Gefühle das auslösen kann!“

Entsprechend erinnerte sich die Runde an eigene fußballromantische Erlebnisse und berichtete in emotionalen Anekdoten von prägenden Augenblicken. Und bei allen Unterschieden und verschiedenen Rollen, die von den Diskutanten innerhalb des Fußballs eingenommen werden: Hier gab es zahlreiche Gemeinsamkeiten. Vieles fand in Kindheit und früher Jugend statt. Von Magie und ROAR, von Schlüsselmomenten und erweckter Liebe war die Rede, von Funken, die übergesprungen sind, von Vater und Opa, von Geselligkeit, Freud und Leid, von herzklopfend verfolgten Radioübertragungen, von Bier und Helden. Genau diese Sehnsucht nach der Unbeschwertheit der frühen Jahre war wohl auch eine zentrale Motivation aller Beteiligten, an der Runde so engagiert teilzunehmen.

Anschließend versuchte man zu ergründen, warum das Wort „Fußballromantik“ bei manchen Protagonisten des Fußballs ein schlechtes Images zu haben scheint und sinnbildlich für Naivität, Vergangenheitsfixierung und fehlende Erfolgsorientierung verwendet wird.

Axel Hellmann, immerhin Finanzvorstand eines Erstligisten mit Ambition aus der Stadt der Banker, betonte, dass diese Sicht für ihn ganz und gar nicht gelte: Solche Sichtweisen seien eher aus Vereinen ohne gewachsene Identität und Tradition zu hören. Für manchen Zuhörer überraschend, präsentierte sich Hellmann ausgesprochen fannah und stellte sich als leidenschaftlicher Verfechter der „50+1-Regel“ heraus, die eine Vereinsübernahme durch Investoren ausschließen soll. Immer wieder prophezeite Hellmann im Laufe des Abends dem deutschen Fußball eine aus Fansicht eher positive Zukunft: Nach der Generation der Ex-Spieler-Funktionäre und der darauffolgenden Quereinsteiger-Funktionäre käme jetzt in vielen Vereinen die der Fanfunktionäre. Der Einfluss von Fans und die Berücksichtigung von Faninteressen würde in den nächsten Jahren zunehmen.

Der schon zum zweiten Mal am „Fußball und Liebe“-Talk teilnehmende Andreas Rettig wirkte ein wenig zerrissener: Nach eigenem Ermessen in seinen Grundfesten der Fußballromantik verpflichtet, mahnte Rettig wiederholt Realismus und die Nennung konkreter Maßnahmen an, die Vereine und Verbände umsetzen könnten, um die Romantik im Fußball zu retten. Rettig diagnostizierte ein großes Delta zwischen dem, was er sich vorstellt und dem was aus seiner Sicht möglich sei. Speziell zum Thema „RasenBallsport“ betonte Rettig in engagierter Debatte mit FCSP-Aufsichtsratsvorsitzenden Sandra Schwedler, selbst kein Fan dieses Konstrukts zu sein, aber als Verband letztlich keine Mittel dagegen zu haben – von Hannover 96 habe sich die DFL sogar verklagen lassen.

Ex-HSV-Trainer Michael Oenning entpuppte sich als mittlerweile sehr entspannter und abgeklärter Fußball-Philosoph. Mit der Frage, warum sogenannte „kleine“ Vereine immer über Abgänge und leergekaufte Kader jammerten, brachte er einen neuen Gedanken in die Runde. Fast alle Vereine kümmerten sich intensiv um Fanbindung und die Stärkung der Fantreue. Warum wäre das nicht auch mit Spielern möglich? „Wenn ich hier beim FC St. Pauli spielen darf“, so Oenning, „dann habe ich doch schon alles! Warum soll ich dann noch wechseln?“ Dies sei vielen Spielern nicht klar – und deshalb wollten auch alle zu den gleichen 20 Clubs in Europa. Hier könnten die Vereine noch viel tun, um Spieler zu binden und mittel- oder langfristige Lösungen zu etablieren.

Sandra Schwedler betonte ihre Rolle als „Fanfunktionärin“, die im Aufsichtsrat auch ein sehr genaues Auge auf die Vereinsfinanzen haben muss. Mit kritischen und pointierten Nachfragen versuchte Schwedler, die „etablierten Herren“ aus dem Fußballgeschäft aus der Reserve zu locken, und betonte, dass viele angebliche Automatismen des „modernen Fußballs“ genau das eben gar nicht seien. Man müsse sich als Verein bewusst für Dinge entscheiden und diese auch dann aus- und durchhalten, wenn Schwierigkeiten entstünden und Ziele nicht sofort erreicht würden.

BAP-Sänger Wolfgang Niedecken war als eingefleischter Fan des 1. FC Köln zugegen und machte sehr deutlich, dass er kein „Schönwetter-Promi-Fan“ ist: Vielmehr offenbarte Niedecken eine von Kindesbeinen an gewachsene intime Kenntnis seines „FC“, kannte etliche Spieler und Funktionäre und stellte sich als guter Freund von FC St. Pauli-Cheftrainer Ewald Lienen aus dessen Kölner Zeit heraus. Niedecken betonte, dass durch größere Kenntnis der Dinge hinter den Kulissen eine gewisse Entzauberung des Fußballs bei ihm stattgefunden habe. Es sei nun einmal ein Geschäft, was aufgrund von Marktmechanismen, Pressedruck und Kurzfristdenke nicht immer schön sei: „Fußballtrainer ist ein toller Job… Wenn man gewinnt!“, so Ewald Lienen einmal bei einer gemeinsamen Autofahrt durch Köln. „Gottseidank bin ich nur ein Fan!“ ergänzte Niedecken – und gab zugleich zu, dass seine Prominenz ihm schon so manchen schönen Kontakt zu seinen „Fußballhelden“ ermöglicht hätte.

Stuart Dykes, seit seiner Kindheit Fan von Manchester United (und als „Zweitverein“ Schalke 04), wurde es mit der Entwicklung seines Clubs irgendwann zuviel: Keine Stehplätze, kaum Gesänge und eine Dauerkarte für 600 Pfund. So kam es zur Gründung des „fan-owned club“ FC United of Manchester, der europaweit als „role model“ gilt.

Dykes malte ein düsteres Bild vom aktuellen Zustand des englischen Fußballs und der Sehnsucht der Fans nach Erlebnissen, wie sie auf der Insel nicht mehr möglich seien: Alkoholbannmeilen um Stadien, Fahnenverbote, Stehverbote, keine Mitspracherechte. Fans würden nur noch als Kunden verstanden. Gleichwohl sei der FC United of Manchester kein Protestverein und auch kein fußballromantisches Projekt – diese Attribute würden das Anliegen verniedlichen. Man wolle echten und ehrlichen Fußball liefern und einen realistischen und professionellen Rahmen für Fußballromantik schaffen. Als Beispiel nannte er das fast fertiggestellte neue FCUM-Stadion mit einer Investitionssumme von über 6 Millionen Euro,

Am Ende waren sich alle Beteiligten einig, dass sie vieles verbindet: Nämlich die Sehnsucht nach romantischem Fußball. Festzustellen war aber auch, dass die Wege und Methoden dorthin sehr unterschiedlich sein können und dass der Spagat zwischen Kommerzialisierung, Erfolgs-, Medien- und auch Fandruck einerseits und dem „Sich-Treu-Bleiben“ eines Vereins mit Haltung andererseits schwierig ist und bleibt. Der beim FC St. Pauli eingeschlagene Weg fand hier viel Lob.

Ein gelungener Einstieg in ein vielseitiges Festival – und ein „Steilpass in die Tiefe“ für den Sonnabend, in denen all diese Themen und noch viel mehr erneut und noch eingehender thematisiert werden sollen: „Alle sprechen über Fußball und Gewalt, wir feiern Fußball und Liebe““

Wer mitfeiern will am Sonnabend ab 13 Uhr in der Gegengerade mit tollen Bands, Lesungen, Talks, Filmen, Ausstellungen, Essen und Trinken, ist herzlich eingeladen.

Alle Infos: www.fussball-und-liebe.de

Mirco Hölling (Der Übersteiger / 1910 e.V.)

Fotos vom Abend: Sabrina Adeline Nagel, www.siesah.de

 

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