She’s back! Von der Wiederentdeckung der historischen, handbetriebenen Millerntor-Anzeigetafel

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Die handbetriebene Anzeigetafel des alten Millerntor-Stadions galt seit Abriss der Südtribüne als verschollen. Nur das etwas kleinere Provisorium, das bis Einweihung der Videowall eingesetzt wurde, war noch da. Eine kleine St. Pauli-Delegation folgte einem Tipp und machte sich im Februar auf den Weg, die alte Anzeigetafel aufzustöbern.

Eike und Jan vom FCSP-Fanclub „Pröppers Vendetta“ und Sönke und Olaf von 1910 – Museum für den FC St. Pauli e.V. staunten nicht schlecht, als sie die Lagerhallen von Brauckmann & Damm betraten  – dem Bauunternehmen, das 2007 die alte Südtribüne abgerissen hatte. Hier erzählt Olaf in seinen eigenen Worten von der Wiederentdeckung eines ikonischen Stücks FC St. Pauli.

Aufgeregt fuhr ich im Februar in den Hamburger Süden nach Billwerder. Eike hatte zu einer kleinen Vernissage in die Lagerhallen der Firma Brauckmann & Damm eingeladen. Wenn’s in eine Ausstellung geht, bin ich vielleicht neugierig, aber normalerweise nicht aufgeregt – nicht mal im Louvre oder MoMa.

Diesmal war alles anders. Ich sollte auf eine alte Bekannte treffen, die ich zuletzt vor 10 Jahren gesehen hatte. Viele Jahre standen wir quasi nebeneinander im Stadion, sie etwas entrückt auf dem Erdwall der „Süd“, ich daneben in der Meckerecke. Ich bin mir sicher: Sie war die erste, die ging, als sich Corny mit dem Bagger über den Erdwall der Süd hermachte und den schrittweisen Abriss des alten Millerntor-Stadions einläutete.

Den Weg in ein modernes Beton-Stadion mit Logen, Business-Seats und digitaler Anzeigetafel mochte sie nicht mehr mitgehen. Das war konsequent. Alle Augen waren auf sie gerichtet, als der Weltpokalsieger entthront wurde oder WM-Rekordtorschütze Miro Klose auf dem vereisten Millerntor-Rasen ins Schlittern geriet.

Sie zog einfach einen Schlußstrich und ging still und leise. Das hat Charakter, und wenn ich ehrlich bin: Dafür liebe ich sie immer noch. Während ich mich nett mit dem modernen Millerntor-Fussball arrangiert habe, verloren wir uns aus den Augen.

Doch jetzt ergab sich wieder ein erster zarter Kontakt. Fernab des Millerntors haben wir uns nach so langer Zeit wieder verabredet. Ich dachte bisher, dass nur Frischverliebte dieses aufregende Hochgefühl kennen, doch jetzt weiss ich’s besser: Ein Date mit der Ex kann das noch toppen.

Für unser Rendezvous in den alten Lagerhallen haben Brauckmann & Damm die alte Anzeigetafel für Eike, Jan, Sönke und mich schön zurecht gemacht. Wortlos betrachtete ich das DFB-Regionalliga-Logo neben dem Spruchband „Astra la Vista 3.Liga“.

Mir lief ein Schauer über den Rücken – auch das haben wir zusammen durchgestanden. Ich legte still meine Hand auf die unversehrte analoge Stadionuhr. Sie hatte etwas Rost angesetzt, aber ihre Schönheit war geblieben.

Ich träumte: Vielleicht gibt es für uns ja wieder eine gemeinsame Zukunft, wenn sich die grossgewachsene Schöne (7,7m x 5m) wieder ans Millerntor-Stadion locken lässt?

Foto-Galerie von Olaf Bartsch

Olaf Bartsch

… ist ein aktives Mitglied bei 1910 e.V. und hilft u.a. auch dabei ganze Stadien zu bauen (im Maßstab 1:100) – als agiler „Infobesorger“ für Holger und Veronika Tribian in Duisburg. Vielen ist er auch durch sein Tagebuch zur Rekonstruktion des Millerntors, die er auf www.millerntor.net auch fotografisch begleitet, und als Stadionguide bekannt.

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